zu Hauptmann, Illustrationen zu Kafka: Die Verwandlung

Es gibt wahrscheinlich Menschen, die Kafkas »Ungeziefergeschichte« lesen, wie die Gebrauchsanweisung eines Insektengiftes. Man ist sich seines Gegners sicher und sucht nur noch nach der Möglichkeit, ihn loszuwerden. Die meisten Buchumschläge helfen dabei, sich auf das Wesentliche – den Käfer – zu konzentrieren, die Gesichter der übrigen Protagonisten bleiben unscharf und Gregor obendrein existiert nicht vor seinem Erwachen.
Ergo: Einen Kafka ohne Käfer gibt es nicht. Aus psychologischer Perspektive brauchen wir gar keine Illustrationen eines noch müden Reisenden mit zappelnden Beinchen. Aber wir bekommen sie; Illustratoren sind ja ebenso Menschen wie wir.
Kafka war sich dessen bewusst: Hat er doch selbst seinen Verleger noch darauf hingewiesen, dass das Insekt seiner Erstausgabe selbst nicht gezeichnet werden kann. »Es kann aber nicht einmal von der Ferne aus gezeigt werden« (25. Oktober 1915).
Tatjana Hauptmann hält sich daran – so konsequent, dass man eigentlich auf ihre Bilder zur Geschichte verzichten könnte. Ein Schlüssel, eine Schüssel, Äpfel; zweiundzwanzig graue Illustrationen auf etwas über einhundert Seiten. Und irgendwie ist da trotzdem der imaginäre Käfer, Platz in den Bildern ist genug. Es wirkt ein wenig, als würde man sich mit den übrigen Samsas Fotos einer zurückliegenden Reise ansehen und mit einem Fingerzeig anmerken, dass »da Gregor gewohnt hat« und der Vater ihn »mit solchen Äpfeln bewarf« … Vielleicht wäre es ein schöner Käfer geworden, hätte Tatjana Hauptmann die Mühe ihrer »atmosphärischen Illustrationen« (Diogenes Verlag) gegen den Wunsch Kafkas genutzt? Wenn schon Käfer, dann richtig.

facebook.com/Kafka.kaufen, Eintrag in der Franz Kafka Online Bibliographie

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